Kunstleben und angucken

 

Foto: C. Härthe

Kunst ist in Bonn Zuhause. Die Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland oder das Kunstmuseum Bonn kennt jeder. Kunst eingesperrt in futuristischen, architektonisch wertvollen Betonbauten. Drumherum Bürokomplexe und 70er Jahre Reihenhäuschen. Weiter weg könnten die dort ausgestellten Werke von ihrem Entstehungskontext kaum sein – nicht nur was die Entfernung angeht. Wie wär’s zur Abwechslung mal mit authentischem Kunstleben? Die Bonner Altstadt, Teil 3.

„Des einen Freud ist des anderen Leid“: Streetart.

Foto: C. Härthe

Kunst liegt im Auge des Betrachters. Bestes Beispiel dafür sind die Graffitis, die einen von den Häuserwänden der Altstadt entgegen lachen. Mit Sicherheit sind die meisten von ihnen überflüssig. Mit Sicherheit sind alle von ihnen ein Ärgernis für die Hausbesitzer. Und sicher kann ich diese sehr gut verstehen. Ich freue mich aber dennoch jedes Mal, wenn ich neue Schablonenbilder entdecke. Sauber gerahmte, meist einfarbige, kleinformatige Bilder, die mithilfe von Sprühdosen und mindestens einer Schablone – oft werden mehrere übereinander gelegt – auf die Wände gebannt werden. Während einige von ihnen eine eindeutige Botschaft transportieren, bringen einen manche auch einfach nur zum Lachen. Die Straße als Galerie und ein Besuch wie eine Art Ostereiersuchen. Einfach großartig, vorausgesetzt man mag Streetart – und ist kein Hausbesitzer.

Verkapptes Epizentrum der städtischen Künstlerszene

Doch Kunst wird in der Altstadt nicht nur von sprühenden Schablonen-Picassos gemacht. Die Altstadt ist Bonns Epizentrum künstlerischen Schaffens – auch wenn sie sich dem Besucher nicht gleich als solches zu erkennen gibt. Grund dafür sind die vielen Hinterhöfe. In den dort gelegenen ehemaligen Fabrikräumen und Werkstätten, finden sich heute Ateliers und Produzentengalerien, in denen die Künstler selbst ihre Werke ausstellen. Einlass wird einem oft nur nach Absprache oder einmal jährlich im Herbst bei den „Offenen Atteliers“ gewährt. Ein Beispiel ist das Atelier Middelmann, Wolfstrasse 10, sowie das Atelierhaus auf der Dorotheenstrasse 99.

Foto: C. Härthe

An Middelmanns künstlerrischem Refugium bin ich beinahe täglich vorbei gegangen, ohne es zu bemerken. Außer einem kleinen rosteisernen Schild, macht nichts darauf aufmerksam, dass sich hinter dem Tor und dem Parkplatz, ein Ort der Kunst befindet. Hier schafft der Künstler nicht nur selbst, sondern bietet auch Kurse an. Das Ateliershaus in der Dorotheenstrasse erreicht man ebenfalls nur durch ein Tor im Vorderhaus. In einer ehemaligen Manometerfabrik werden seit 1992 KünstlerInnen durch die zweieinhalb-jährige Vermietung von Atelierräumen zu günstigen Konditionen unterstützt. Geboten wird damit auch die Möglichkeit zum Austausch zwischen den dort arbeitenden Künstlern.

Kaffee und Kunst

Etwas offensichtlicher präsentiert sich Kunst in der Altstadt anhand von kleinen Galerien, Kunst-Cafés und -Boutiquen. Zu ersteren zählt unter anderem die Galerie Alte Apotheke Altstadt Bonn – kurz GAAABO.

Foto: C. Härthe

GAAABO

Die Aufschrift „Apotheke“ erinnert noch heute an die Geschichte des Gebäudes. Heute soll jedoch statt medizinischer Präparate Kunst Heilung bringen. Anspruch der Galerie ist, Bilder und Skulpturen zu zeigen, die unterschiedliche Dimensionen der menschlichen Wahrnehmung ansprechen. Die aktuelle Ausstellung „Das Werden im Nichts“ zeigt Werke der Künstler JoDD und Tilmann Cramer.

Foto: C. Härthe

Frau Holle

Besonders ins Auge fallen in der Altstadt vor allem kleine Cafés und Boutiquen, die Kunst in einem breiteren Rahmen darbieten. Frau Holle ist beispielsweise ein Café am Anfang der Breitestrasse (Stadthaus), das neben Kaffee und Kunst auch mit Mode, Lesungen und regelmäßigen Musikveranstaltungen aufwartet. Momentan sind hier Werke von Deva Wolfram und Sidika Kordes zu sehen. Kordes malt ihre Bilder direkt nebenan in ihrem Atelier auf der Breitestrasse 54.

Galeria Galeano / Café de Arte

Foto: C. Härthe

In der Galeria Galeano (Wolfstraße 47) gibt es ebenfalls Kaffee und Kunst. In gemütlicher Atmosphäre können Drucke und Originale verschiedener Künstler in aller Ruhe angeschaut, erstanden oder bestellt werden. Zudem findet man bei der Eigentümerin, Frau Giménez-Thömmes, fachkundigen Rat bei der künstlerischen Raumgestaltung der eigenen vier Wände.

mazART

Foto: C. Härthe

Weniger Café als vielmehr kreative Kunst-Boutique-Galerie ist „mazART“. Hier bietet die Künstlerin Andrea Mazurek nicht nur ihre modernen, verspielten Bilder an, sondern auch Mode. Diese schneidert sie zwar nicht selbst, jedoch veredelt sie diese künstlerisch und macht somit aus Massenware kleidende Unikate.

 

Institutionen im Kiez

Auch in einem Künstlerviertel – in dem Kunst nicht nur ausgestellt wird, sondern Kunstleben täglich stattfindet – muss man nicht auf den Besuch eines Museums verzichten. Dank sei dem kulturell wohl zweitwichtigsten Sohn der Stadt, August Macke, den Frauen sowie dem Bonner Kunstverein e.V..

Foto: http://www.august-macke-haus.de/

August-Macke-Haus

Im August-Macke-Haus (Bornheimer Strasse 96) erlebte der Expressionist von 1911 bis zu seinem frühen Kriegstod 1914 seine produktivste Phase. Neben den Original-Ölbilder in Mackes Atelier, in dem auch Möbel des Künstlers aus seiner Zeit in Tegernsee zu sehen sind, liegt ein Schwerpunkt des Hauses auf den Werken des Rheinischen Expressionismus. Hierzu finden sich auch ein Archiv sowie eine Handbibliothek.

Frauenmuseum

Foto: http://www.frauenmuseum.de/ueber-uns.php

Das Frauenmuseum wurde 1981 als weltweit erstes Museum seiner Art unter anderem von der heutigen Direktorin, Marianne Pitzen, gegründet. Ziel ist es die Kunst der Frauen zu fördern und in der Kunstgeschichte zu verankern. Dargestellt wird die ganze Fülle weiblicher Kreativität. Aus diesem Grund ist das Museum kein statischer Ort mit festem Bestand, sondern ein Ort, der stets in Bewegung ist. Dafür sorgen nicht zuletzt auch die angeschlossenen Ateliers, die fünf Künstlerinnen Platz bieten und den Modellcharakter des Museums als Werkstatt, Ideenpool und Laboratorium unterstützen sollen.

Bonner Kunstverein e.V.

Foto: C. Härthe

Eine besondere Größe im Kiez stellt der Bonner Kunstverein e.V. dar. Seit 1963 hat er es sich zur Aufgabe gemacht lokale, regionale und nationale junge KünstlerInnen bei ihrer Arbeit zu unterstützen. Dies geschieht beispielsweise durch das zur Verfügung stellen von Raum zur Präsentation oder für das künstlerische Schaffen, die Organisation von Ausstellungen sowie die Verleihung von Stipendien. Finanziert wird dies durch die Stadt, Sponsoren und die Beiträge der Mitglieder, die im Gegenzug kostenlos an allen Veranstaltungen teilnehmen oder sich zu noch günstigeren Preisen Bilder in der Arthothek ausleihen können. Zur Zeit ist die Ausstellung „Shannon Bool: The inverted Harem II“ zu sehen.

arte-fact – Werkstatt für Kunst e.V.

Foto: C. Härthe

Dass das Kunstleben in der Altstadt so lebendig ist wie nirgendwo sonst in der Stadt, lässt sich nicht zuletzt an der Vielzahl von Vereinen erkennen, die hier ihren Sitz haben. Jeder widmet sich der Kunst auf seine ganz eigene Weise und oft sind die dort Engagierten gleich in mehreren mehr oder minder aktiv Mitglied. Neben dem Bonner Kunstverein e.V. ist der Verein „arte-fact – Werkstatt für Kunst e.V.“ eines von vielen Beispielen. Ganz nach dem Motto „der Weg ist das Ziel“, steht hier der künstlerische Prozess – das Selbst-Kunst-Machen – im Vordergrund. Zu diesem Zweck bietet arte-fact als freie Kunstakademie Bonn Kurse, Seminare sowie Veranstaltungen in verschiedenen Disziplinen für Jung und Alt, Erfahrene und Interessierte an. Geleitet werden sie von qualifizierten, meist freischaffenden KünstlerInnen, für die diese Tätigkeit oft ein wichtiger Nebenerwerb darstellt.

Faszination Altstadt

Foto: C. Härthe

Bleibt nur noch die Frage, was die Altstadt für Kunstschaffende so anziehend macht. Für Thomas Engelkamp, Vorstand von arte-fact, liegt dies zunächst an den generell guten Voraussetzungen. Dazu zählt er die relativ moderaten Mieten und das gute Raumangebot durch die ehemaligen Werkstätten in den Hinterhöfen. Gerade diese seien „einfach nur spannend“. Das pralle Leben und die vielen verschiedenen Menschen vor der Tür schätzt Engelkamp, der selbst in der Altstadt malt, ebenfalls: „Viele Künstler, die hier leben, genießen einfach die Menschen: laute Kinder, viele Hautfarben und Leute die einfach daneben sind.“ Dies bestätigt auch der Miteigentümer der Galerie GAAABO, Martin Gommla: „Die Altstadt ist ein lebendiges Viertel in dem verschiedene Kulturen zusammenleben, ohne dass die eine die andere dominiert. Hier lebt man friedlich zusammen und bereichert sich gegenseitig.“. Im Gegensatz zur Südstadt, die ebenfalls kreatives Potenzial besitzt, sieht Gommla einen entscheidenden Vorteil: „In der Südstadt ist jeden Tag Sonntag. Hier hat man das Gefühl, dass sich was tut.“. Diese Liebe zum lebendigen Altstadt-Flair teilt auch Andrea Mazurek von mazArt und ergänzt, dass es hier einen besonderen Zusammenhalt gebe: „Jeder passt auf den anderen auf. Dennoch sollte mehr publik gemacht werden, was hier passiert.“. Viele von Mazureks Kunden sind Bewohner der Altstadt. Sie gelten als besonders kunstinteressiert und gebildet, was für viele – abgesehen von der Atmosphäre – ebenfalls ein entscheidender wirtschaftlicher Standortfaktor ist. Für die Kuratorin des Bonner Kunstvereins, Fanny Gonella, hat der Standort Altstadt, den sie selbst ebenfalls als lebhaft und unprätentiös wahrnimmt, noch eine ganz andere Rolle: „Es ist wichtig nicht als imposante Institution aufzutreten, sondern als Teil eines lebhaften Viertels. Kunst wird von Menschen gemacht und die Verbindung von Kunst und Alltag wird in solchen Vierteln erlebbarer. Im Louvre fühlt man sich nicht so entspannt und denkt nicht an seinen eigenen Alltag.“.

Kunst ist also in Bonn Zuhause. Genauer in der Umgebung der Bonner Altstadt. Es spricht nichts gegen einen Besuch im “Bönn’sche Louvre” – der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland oder dem Bonner Kunstmuseum. Wer aber Kunstleben erleben will und nicht nur Kunst angucken möchte, der sollte sich etwas Zeit nehmen, um die künstlerische Vielfalt der Altstadt zu entdecken.

Ein Gedanke zu “Kunstleben und angucken

  1. Sehr nett, sehr gepflegt geschrieben.
    So können wir die wahre Kunsträume entdecken und beim Kaffee und Stück Kuchen geniessen:-).
    Kreative Räume sind in Bonn seltens zu finden, ebenso es fehlen kreativen Köpfe.
    Jedes Jahr haben wir ewig gleiche “Pseudo-Kunst-Möchte -Gerne” Treffen.
    Es ist nur SCHADE!!!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s