Zwischen Büchern und Windeln

(Foto: Silke Kaiser/ pixelio.de)

Es ist zehn Uhr morgens. Dicht an dicht sitzen wir im Hörsaal und die monotone Stimme des Professors dringt durch den Raum. Plötzlich ist da dieses lustige Geräusch. „Tapp, tapp, tapp“, schallt es durch den Saal. Diejenigen, die noch halbwegs munter sind, strecken die Köpfe nach dem Geräusch aus. Und wieder ist da dieses „tapp, tapp, tapp“. 

„Könnten Sie Ihrem Kind bitte die Schuhe ausziehen? Das ist etwas zu laut. Auf Socken kann es dann ruhig weiter durch den Hörsaal flitzen“, wendet sich der Professor lächelnd an einen Studenten. Leises Kichern dringt durch den Raum und von da an gilt der Kleinen, die den Hörsaal unsicher macht, die ganze Aufmerksamkeit. „Nicht einfach, so ein Studium mit Kind“, flüstere ich meiner Sitznachbarin zu. Ich muss an die bevorstehenden Klausuren denken. Wie man diese ganze Lernerei wohl mit der Erziehung eines Kindes unter einen Hut bekommt? Mir fällt meine Kommilitonin Annett Wagner ein, die ihr Bachelorstudium mit Kind gemeistert hat. “Wenn ich da mal nicht meine Expertin gefunden habe”, denke ich mir und vereinbare einen Interviewtermin mit ihr.

Das Interview

Annett mit ihrem Sohn Tom (Foto: AW)

Annett hat zunächst Kunstgeschichte an der Uni Bonn studiert. Später hat sie sich dann für ein Studium der Kommunikationswissenschaften mit den Schwerpunkten Medienwissenschaft und Sprachlernforschung entschieden. Als sie ihr erstes Kind Tom bekommt, ist sie 27 Jahre alt.

Annett, hast du dich bewusst dafür entschieden mit Kind zu studieren oder was das Ganze eher nicht geplant?

Annett: Als mein Sohn auf die Welt gekommen ist, habe ich mein Studium der Kunstgeschichte abgebrochen. Irgendwann habe ich mir dann überlegt, wie es weitergehen soll. Mein damaliges Studium fortzusetzen kam für mich nicht mehr in Frage. Eine Ausbildung war wegen des Zeitaufwandes ebenfalls ausgeschlossen. Deshalb habe ich mich dann bewusst dazu entschlossen, ein Bachelorstudium zu beginnen. Der Arbeitsaufwand und die Präsenszeiten in der Uni waren zeitlich gut machbar.

Wie hast du das Studium und die Erziehung deines Kindes unter einen Hut gebracht?

Annett: Im ersten Studienjahr hatte mein Sohn noch keinen Kindergartenplatz, deshalb war die Betreuung ein bisschen chaotisch. In einer normalen Studienwoche haben insgesamt sieben Personen, unter anderem mein Mann, die beiden Omas und Freunde von uns, auf ihn aufgepasst, damit ich die Präsenzzeiten in der Uni wahrnehmen konnte. Gelernt habe ich dann abends, wenn Tom im Bett war. Das hört sich jetzt anstrengend an, war aber erstaunlich gut machbar. Wenn man wenig Zeit hat, nutzt man diese sehr effektiv. Als Tom dann in den Kindergarten gegangen ist, hat sich die Situation sehr entspannt. Während meiner Unizeiten wurde mein Sohn im Kindergarten betreut. Natürlich war es so, dass ich immer ein bisschen hin- und hergerissen war, besonders im ersten Jahr. Auf der einen Seite hatte ich ein schlechtes Gewissen, weil ich nicht wirklich viel Zeit zum Lernen hatte, auf der anderen Seite dachte ich manchmal, was ich meinem Kind mit den verschiedenen Betreuungspersonen da antue, ist nicht wirklich gut für ihn und sehr egoistisch. Aber im Prinzip erging es mir da nicht anders als jeder berufstätigen Mutter.

Dann hattest du ja sehr viel Unterstützung von deiner Familie und deinen Freunden.

(Foto: Wilhelmine Wulff/ pixelio.de)

Annett: Ja, ohne ein soziales Netzwerk hätte ich das Studium nicht so gut geschafft. Oft hat mein Mann mit unserem Sohn Ausflüge gemacht, damit ich mal einen ganzen Sonntag Zeit hatte zu lernen oder eine Hausarbeit zu schreiben. Da habe ich immer richtig viel geschafft. Aber auf der anderen Seite hat mich das auch sehr genervt, wenn sie allein losgezogen sind und ich wegen der Uni zu Hause bleiben musste.

Hast du dir denn auch Unterstützung bei der Uni Bonn gesucht?

Annett: Nein, so wirklich habe ich mich da nie informiert. Ich weiß auch nicht, wie mir da hätte geholfen werden können, denn ich hatte zum Glück keine Probleme mit der Finanzierung, der Betreuung  oder der Unterkunft.

Worin lagen deiner Meinung nach die Vorteile, mit einem Kind zu studieren?

Annett: Ein Vorteil war definitiv, dass ich damals keine Studiengebühren zahlen musste, denn als Mutter oder Vater eines minderjährigen Kindes war man von den Beiträgen befreit. Ansonsten fallen mir keine besonderen Vorteile ein.

Gab es denn auch Nachteile?  

Annett: Ein großer Nachteil war definitiv, dass ich nicht so am studentischen Leben teilnehmen konnte, da ich mich in meiner freien Zeit um mein Kind kümmern musste oder besser gesagt, durfte. Noch ein Nachteil war, dass ich ab und zu auch Veranstaltungen nach der Lage im Stundenplan und nicht nach meinem Interesse auswählen musste. Aber im Endeffekt war ich froh, dass die Kurse fast alle zu den Zeiten stattfanden, an denen mein Sohn betreut war. Das war mir dann wichtiger.

Vielen Dank Annett, dass du dir die Zeit genommen hast, mir die Fragen zu beantworten.

Bücher und Windeln  – passt das denn nun zusammen?

Inzwischen ist Annetts Sohn sechs Jahre alt und besucht bereits die erste Klasse. Ihr zweites Kind Paula ist vier Monate alt. Annett ist ein gutes Beispiel dafür, dass man ein Studium mit Kind meistern kann, auch wenn es anfänglich bei ihr viele Schwierigkeiten gab. In ihrem Fall war es zwar nicht nötig die Hilfe der Uni in Anspruch zu nehmen, es gibt jedoch zahlreiche Beratungsstellen, an die sich schwangere Studentinnen oder Studierende, die bereits Kinder haben, wenden können. In vielen Bereichen kommt die Uni Bonn (werdenden) Eltern entgegen. So können zum Beispiel bis zu sechs Urlaubssemester für die Pflege und Erziehung minderjähriger Kinder in Anspruch genommen werden. Eine Reihe wichtiger Informationen ist auf den Seiten der Universität unter der Rubrik Studieren mit Kind zu finden.

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